Auge in Auge mit über 1200 Kühen

Ashburton, Neuseeland
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Wettkampf im gegenseitigen Anstarren? Okay, ich gebe mich geschlagen. Übrigens: Fast alle Fotos, die ihr in diesem Beitrag seht, habe ich mit dem Smartphone geschossen. Ist auf dem Motorrad etwas handlicher, als die Spiegelreflexkamera.

Was erst furchtbar nervig scheint, lässt im nächsten Augenblick meinen Puls rasen: Das Weckerklingeln. Ich sitze im Bett, putzmunter. Es ist 2.30 Uhr morgens. Mir rutscht ein Schmunzeln übers Gesicht – ich habe nicht verschlafen. Der Gedanke daran ließ mich am Abend zuvor nicht los. Im nächsten Moment stehe ich bereits in der Küche, befülle den Toaster mit wabbeligem Weißbrot und versuche, anschließend im Badezimmer die Spuren der viel zu kurzen Nacht mit eiskaltem Wasser aus meinem Gesicht zu waschen. Zurück in der Küche jongliere ich mit gebuttertem Toast in der einen und meinem Smartphone in der anderen Hand. Was ist auf der anderen Seite der Welt passiert, als ich mich mit geschlossenen Augen zwischen Matratze und Bettdecke herumgewälzt habe? Viel Zeit bleibt nicht, um auf Nachrichten zu antworten. Die Zeit rennt! Zwei Paar Socken, lange Unterhose, T-Shirt, Pullover, Fleecejacke und Schal – alles wird unter einem dunkelgrünem Overall versteckt. Vor der Eingangstür gesellen sich Handschuhe, Regenjacke sowie -Hose und Gummistiefel dazu. Vier Grad zeigt das Thermometer an.

Zurück auf einer Farm? Tatsächlich, ja! Ich habe die vergangenen gut zwei Monate auf einer Farm südlich der Metropole Christchurch verbacht. Aber drehen wir die Uhr kurz zurück: Nachdem mich Ven und Chris in Queenstown abgeschmissen haben, ging es für mich anschließend nach Christchurch. Gut eine Woche verbachte ich in der Stadt, die im Jahr 2011 durch ein schweres Erdbeben bleibende Narben davongetragen hatte. Ein Stadtzentrum existiert quasi nicht mehr. Leere Grünflächen und Parkplätze prägen die Innenstadt. Und dennoch habe ich dieses Fleckchen Erde nach kurzer Zeit ins Herz geschlossen. Zur Verwunderung vieler anderen Backpacker, die für Christchurch eher nicht viel übrig haben. Die Zeit in der 350.000-Einwohner-Metropole habe ich genutzt, um für gut fünf Tage bei Maureen und Stephen in einer Karossierewerkstatt auszuhelfen. So galt es unter anderm ein Boot vom Lack zu befreien, abzuschleifen sowie Karosserieteile zu besprühen. Durch verschiedene Zufälle kam kurz darauf der Kontakt zu Martin zustande. Der gebürtige Schweizer besitzt eine große Kuhfarm, die gut eine Stunde von Christchurch entfernt, nahe Ashburton, liegt. Meine Zusage hatte Martin sofort im Kasten!

Ein kurzer Blick auf die Uhr: Alles im grünen Bereich. Durchatmen. Helm auf, Stirnleuchte an und nun heißt es Daumen drücken, dass meine „Blaue Bertha“ anspringt. Unzählige Tritte auf den Kickstart-Hebel bringen nicht den gewünschten Erfolg. Ich werde nervös. Ein neuer Versuch, dieses Mal mit ordentlich Vollgas. Das lautstarke Brummen des Motorrads hat vermutlich auch die schlummernden Kollegen aufgeweckt. Wenigstens läuft die Maschine. Erleichterung!

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So schön präsentiert sich Mutter Natur für alle, die auch am Sonntagmorgen zeitig aufstehen.

Es geht aus der Einfahrt heraus auf die Straße, ehe ich wenige hundert Meter weiter in Richtung Melkstand abbiege. Vorbei geht’s an schier unendlich langen Zäunen und Weiden. Gut fünf Minuten brauche ich mit dem Motorrad, um das andere Ende der Farm zu erreichen. Hier hat die erste Herde, die gut 500 Tiere umfasst, die zurückliegenden Stunden der Nacht verbacht. Neugierig beäugen die Kühe, wie ich die Gummibänder, die den Eingang versperren, als Barriere über den Weg spanne. Und dann geht das muntere Gedränge auch schon los. Die Tiere wissen, was es mit dem frühen Start in den Tag auf sich hat. Mittlerweile bin ich wieder auf meine „Blaue Bertha“ gesprungen und bahne mir einen Weg auf die Wiese, denn am hinteren Ende liegen einige Kühe immer noch entspannt auf dem kühlen Boden. Ein wenig mit dem Gas spielen hilft in diesem Fall.

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Der Fuhrpark: Meine „Blaue Bertha“ steht im Hintergrund.

 

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Auf zum Melkstand! So sieht es aus, wenn gut 500 Kühe marschieren. Man kann nur leicht erahnen, was vorne an der Spitze passiert.

Zurück auf dem Weg zum Melkstand folge ich der ersten Herde und versuche, die milchgebenden Mädels zum Laufen zu motivieren. Etwas Zeit bleibt, um den klaren Sternenhimmel zu bestaunen, sogar ein winziger Teil der funkelnden Milchstraße ist zu sehen. Rund eine Stunde benötigen die Huftiere für den Marsch zum Unterstand.

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Blick in den Melkstand: Auf diesem Karussell drehen die Tiere ihre Runden. Die erste Kuh des Morgens seht ihr im Hintergrund.

In der großen Blechhalle dreht das Melkkarussell mit insgesamt 44 Plätzen bereits seine Runden. In der folgenden Stunde laufen die Kühe einzeln auf die Plattform, bekommen Saugnäpfe an ihre Euter verpasst. Im Idealfall fallen die Melkschalen nach einer dreiviertel Umdrehung des Karussells wieder ab, sodass das Rind im richtigen Moment wieder rückwärts heruntersteigen kann. Ist ein Tier nicht komplett ausgemolken, dreht es eine Extrarunde. Für den reibungslosen Ablauf der frühmorgendlichen Melkeinheit sind im Prinzip nur zwei Personen nötig. Flinke Hände sind im jenen Bereich gefragt, in dem die Kühe ihre Melkmaschinen angesteckt bekommen. Auf der anderen Seite ist Zielgenauigkeit gefragt, denn hier müssen die Mädels mithilfe eines kühlen Wasserstrahls von der Plattform bewegt werden. Ein kleiner Spritzer auf die Unterschenkel reicht meist aus.

11380004_1119733528042971_877009338_nZwischenzeitlich muss natürlich noch die zweite Herde, zu der ebenfalls um die 500 Kühe gehören, zum Melkstand getrieben werden. Vollste Konzentration ist zu jeder Zeit gefragt. Obacht, die riesigen Gruppen dürfen nicht gemischt oder auf falsche Weiden geleitet werden! Um die 40 grüne abgezäunte Areal gibt es insgesamt auf dem gut 200 Hektar großen Areal.

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Neugierig?

11084996_973461859338881_2142921260_nBei all dem scheinbaren Durcheinander ist es wichtig, dass einer stets den Überblick behält. Und eben jene Person ist Simon, der gebürtiger Neuseeländer ist, bereits seit zehn Jahren zum Team gehört und quasi jeden einzelnen Grashalm der Farm kennt. Dazu gesellen sich die Chilenen Carlos und Patricia, die beide seit sechs Jahren in Neuseeland leben und arbeiten. Komplettiert wurde das muntere Kollektiv von Ramona, die in der Schweiz zu Hause ist und ein einjähriges Praktikum absolviert sowie Martin aus Deutschland, der insgesamt sechs Monate am anderen Ende, von Deutschland aus gesehen, verbringt. Martin, Chef der Farm, lebt bereits seit mehr als zehn Jahren zusammen mit seiner niederländischen Frau Linsey in Neuseeland. Zur Familie gehören außerdem zwei Söhne und eine Tochter.

Wie ihr vielleicht bereits mitbekommen habt, waren zur Zeit meines Aufenthalts also insgesamt drei Martins auf eben jener Farm zugange. Wir haben uns deshalb mit Spitznamen geholfen. Meiner lautete „Waikato“, der auf die gleichnamige Region auf der Nordinsel zielt. Dort hatte ich bekanntlich gut zwei Monate bei John und Karyne sowie Johnny und Anna verbacht. Kein schlechter Spitzname also!
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Traktor durfte ich auch mehrmals fahren. Ein großer Spaß!

Das Tageswerk bestand neben dem Melken am frühen Morgen und am Nachmittag unter anderem daraus, Kälber zu füttern, die kilometerlangen Weiden mit mobilen Zäunen zu unterteilen sowie Reparatur- und Wartungsarbeiten durchzuführen. Die jüngsten Wochen auf Martins Farm standen hingegen im Zeichen der schon in Kürze kalbenden Milchkühe. Diese wurden nämlich untersucht, sortiert und anschließend auf den Transport zur Winterfarm vorbereitet, die nicht unweit entfernt liegt.

Übrigens: Der Wecker klingelte nicht jeden Morgen so zeitig. Regulär ging es für mich gegen 4 Uhr aus dem Bett. Zuletzt, ohne Melkeinheiten, sogar gegen 6.30 Uhr.

So galt es, beispielsweise Stroh auszufahren. Denn nach dem Trockenstellen – die Kuh gibt also bis zum Kalben keine Milch mehr – ist frisches Gras für die Mädels tabu. Der Transport der hochschwangeren Tiere erfolgt mit großen Lkws. Das Winterlager hält für die unterschiedlichen Herden, die nach geschätztem Kalbetermin sortiert sind, Futterrüben und Kohl bereit. Die Menge an Pflanzen und Wurzeln, die die Tiere verputzen dürfen, wird genau berechnet und mithilfe von mobilen Zäunen abgesteckt.

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Tolle essbare Frisur!

 

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Die dicken Rüben lassen sich scheinbar nicht so leicht zerkauen …

Wie bereits kurz angeschnitten, gesellen sich zu den rund 1200 Milchkühen auch um die 200 Kälber, weitere 300 heranwachsende Kühe, die nun fast drei Jahre alt sind sowie einige Bullen. Die Ausmaße dieser Farm haben mich im ersten Moment ziemlich erschlagen. 200 Hektar Landfläche, riesige Bewässerungsanlagen, die über die Wiesen rollen und eine Übersichtskarte, die einem Stadtplan gleicht. Es hat freilich einige Zeit gedauert, bis ich alles verinnerlicht hatte – und genau an diesem Punkt verwandelte sich jede scheinbar noch so schwere Herausforderung zu einer lösbaren Aufgabe.

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Kilometerlang und über ein kleines Bedienpult steuerbar: Die Bewässerungsanlage.

 

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Süße und neugierige Kälber!

In den zurückliegenden gut zwei Monaten habe ich unendliche viele Erfahrungen sammeln können. Dafür bin ich ziemlich dankbar!

Ich ziehe hiermit meinen Hut vor all denjenigen – wie beispielsweise Martin, Simon, Carlos oder Patricia – die eben jene Berufung über Jahrzehnte hinweg mit einer solchen beeindruckenden Leidenschaft tagein, tagaus ausführen und am Ende eines langen Tages dennoch geduldig helfen und lächeln können. Wie das geht? Es wird mir ein Rätsel bleiben. Aber vielleicht sind ja auch die traumhaft schönen Sonnenaufgänge schuld, die den Melkstand fast jeden Morgen mit rotgelbem Licht durchfluten. Wer weiß …

Foto 2Abseits der Farm nutzten Ramona und ich einen freien Tag für eine Ausfahrt zum nicht allzu weit entfernten Lake Tekapo, der auch im Winter durch sein malerisches Panorama besticht.

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Zehn Wochen ohne Friseurbesuch – das hinterlässt Spuren. Die überschüssigen Haare habe ich vor der Reise nach Fidschi noch in Christchurch gelassen.

In Kürze gibt’s dann alles über die erlebnisvollen Tage auf den Fidschi-Inseln zu lesen und zu sehen. Bis dahin! 😉

1 Kommentar

  1. Pingback: Bula, Fidschi! | Martin um die Welt | Reiseblog

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